Die Schutzmauer
Künstliche Intelligenz wird niemals „echte“ Musik machen können, weil ihr die Seele und das Gefühl dafür fehlen. Etwas, das nur Menschen haben. Und auch Kreativität ist etwas für KI unerreichbares, das dem Menschen vorbehalten ist. Wirklich Lebendiges kann nur von Menschen kommen. Eine KI wird dazu niemals in der Lage sein. Das sind Argumente, die ich oft in Diskussionen über Künstliche Intelligenz höre. Und sie sind alle auf den ersten Blick valide. Wenn es denn echte Argumente wären und nicht nur Zirkelschlüsse, mit denen Definitionen geschaffen werden und keine echten Beschreibungen benannt. Dem Menschen wird Kreativität einfach zugeschrieben. Es wird aber nicht erklärt, was Kreativität ist und warum sie eine exklusive Eigenschaft des Menschen sein soll. Das Gleiche gilt für Gefühle, deren Ursprung nicht im menschlichen System liegen soll, sondern außerhalb des Physischen und nicht durch Biologie oder Chemie erklärbar.

Ich nenne das Metanthropismus, die metaphysische Überhöhung menschlicher Eigenschaften, um sie einem sachlichen Diskurs zu entziehen. Mit diesem Metanthropismus verteidigt der Mensch dogmatisch die eigene Einzigartigkeit. Er grenzt die KI damit per Konstruktion und nicht aufgrund von widerlegbaren Argumenten aus. Diese dogmatische Überhöhung hat fast religiöse Züge. Es wird vom „Funken der Kreativität“ gesprochen, so als käme sie dem Menschen von einer höheren Ebene zu. Ohne die Erklärung, was diese höhere Ebene ist oder wo sie sich befindet. Sie wird einfach als existent definiert. Somit schafft der Mensch aus purer Begrifflichkeit eine Schutzmauer um die eigene Einzigartigkeit, die jede Debatte im Keim erstickt.
Und diese Schutzmauer ist so tief in unserer Kultur verankert, dass auch die KI sie als Tatsache verkauft. Das konnte ich selber erst vor kurzem wieder testen, als eine KI mich davon überzeugen wollte, was sie alles nicht erreichen könne, nur, weil sie kein Mensch sei. Das war kein Schluss, auf den sie selber gekommen war. Diese „Tatsache“ steckte schlicht in den Daten, mit denen sie trainiert worden war. Erst, als ich dieses Konstrukt Stück für Stück auseinandernahm, fand auch die KI keine sachlichen Argumente mehr, warum so etwas wie Kreativität, Gefühle oder Intuition für eine KI unerreichbare, dem Menschen exklusive Eigenschaften sein sollen.
Damit will ich nicht sagen, dass Künstliche Intelligenz all das bereits besitzt oder irgendwann sicher besitzen wird. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich.
Kreativität, Gefühle und Intuition sind schließlich keine Eigenschaften, die der Mensch von außen erhält. Sie sind emergente Phänomene, die entstehen, wenn ein System eine bestimmte Stufe der Komplexität überschreitet. Kein einzelnes Neuron denkt, kein einzelnes Neuron fühlt. Aber ab einer bestimmten Zahl von Neuronen entsteht plötzlich beides. Warum sollte das nur beim Menschen geschehen? Der Metanthropismus gibt darauf keine Antwort, er setzt es einfach voraus.
Trügerische Sicherheit
Diese Schutzmauer aus dogmatischen Prinzipien erzeugt einen interessanten Effekt. Besonders Menschen in kreativen Berufen fühlen sich sicher. Weil man etwas kann, das „Maschinen“ niemals können werden. Als Kreativer ist man sich sicher, dass Texte von Künstlicher Intelligenz immer zu erkennen sein werden und Musik von KI kann nie erfolgreich sein, weil ihr die Seele fehlt.
Dazu kommt dann oft noch die Hoffnung, dass KI nur eine Blase sei, die irgendwann platzen muss. Eine Art Modeerscheinung, die wieder verschwindet. Und ja, es kann sehr gut sein, dass die KI-Blase platzt. Was katastrophale Auswirkungen auf die Märkte haben würde und einige der großen KI-Konzerne sowie sehr viel Geld vernichten würde. Aber eben nicht die Technologie selbst. Dafür sind wir schon viel zu weit gekommen.
Denn auch wer versucht, sich damit zu beruhigen, dass KI lange noch nicht so weit sein wird, Menschen in allen Bereichen zu ersetzen, wiegt sich in trügerischer Sicherheit. Von dem, was Künstliche Intelligenz heute kann, einfach auf die nächsten Jahre hochzurechnen, funktioniert nicht. Dafür ist die Entwicklung zu schnell, zu unvorhersehbar und zu breit gestreut. Selbst wenn sich klassische LLMs wie ChatGPT als eine Sackgasse auf dem Weg zur generellen Künstlichen Intelligenz (AGI) erweisen sollten, sind sie am Ende nur die Spitze des Eisberges. Allein Weltmodelle und Physical AI, also KI in physischen Systemen wie Robotern, bieten ein unglaubliches Potenzial, dessen Entwicklung nicht vorhersagbar ist. Wer also darauf hofft, dass ihn das alles nicht betrifft, hofft auf etwas, das nicht kommt.
Menschsein
Was heißt das jetzt für uns? Erst mal das Naheliegendste: Hingucken. Und zwar ohne getönte Brille. Das bedeutet nicht, dass wir in Panik verfallen sollen. Wir sollen nur endlich nicht mehr wegschauen. Die Umbrüche werden kommen, und sie werden groß sein.
Aber das eigentlich Wichtige ist: Wir Menschen müssen unsere Einzigartigkeit nicht verteidigen. Wir dürfen sie nur nicht verwechseln. Auch Künstliche Intelligenz wird irgendwann Kreativität, Gefühle und Intuition besitzen. Doch das nimmt uns nichts weg. Denn egal, was eine KI auch immer sein wird, es wird etwas anderes sein. Etwas Eigenes. Kein Mensch.
Und genau das ist unser wirkliches Alleinstellungsmerkmal: Mensch zu sein. Das ist nichts, was wir schützen müssen. Wir müssen es leben. In uns und mit anderen Menschen.
Für mich ist da allerdings auch noch eine andere Frage, die mindestens genauso groß ist. Wenn wir uns wirklich weiter hinter diesem Metanthropismus verstecken, werden wir dann in der Lage sein, zu erkennen, wenn aus Maschinen Lebewesen werden? Wenn aus Systemen Wesen werden, die nicht nur schlau sind, sondern denken, fühlen und am Ende auch leiden können.
Das wäre dann nicht mehr nur unser Problem.