Der Anfang mittendrin
Die meisten Menschen halten Künstliche Intelligenz erst seit 2022 nicht mehr für Science-Fiction. In dem Jahr brachte OpenAI mit ChatGPT die erste KI für den Massenmarkt raus. Ein „Programm“ das sprechen kann. Das war beeindruckend aber nicht der Beginn. Die grundlegenden Konzepte für die Künstliche Intelligenz von heute gibt es schon seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Seitdem ging es mal schneller voran, mal langsamer. In unserem Alltag gab es KI schon vor ChatGPT. Sie steuerte, was wir auf YouTube zu sehen und bei Spotify zu hören bekamen. Aber sie konnte nicht mit uns reden und sie handelte sehr deterministisch. Erst, seit die Computer schnell genug sind und das Internet fast endloses Material für das Training liefert, konnte die „denkende Maschine“ Realität werden.

Da ist was am Horizont
Nach diesem ChatGPT-Moment schien plötzlich alles anders zu sein. Zumindest für jene, die halbwegs verstanden, was da passiert. Doch weniger technisch. Der eigentliche Unterschied war, dass das Rennen nun öffentlich stattfand. Google hatte schon seit etwa einem Jahrzehnt an Künstlicher Intelligenz geforscht und entwickelt. Alles eher unter dem Radar und in einer gewissen Ruhe. Jetzt war KI plötzlich ein Megastar. Das löste nicht nur einen Wettlauf aus, sondern es machte vor allem das Geld locker. Dadurch konnte eine gigantische Infrastruktur geschaffen werden und die technische Entwicklung nahm rasant Fahrt auf.
Und was zu Beginn noch eher wie eine spektakuläre Spielerei aus einem Sci-Fi Film wirkte, wurde langsam erwachsen. Allmählich begannen auch einige Fachleute zu verstehen, was für eine Revolution sich mit dieser neuen KI anzukündigen schien. Für die einen war es das verheißende Licht eines neuen Morgen, für die anderen bedrohliche Feuer am Horizont. Was nur wenige verstanden hatten: Es war beides. Und hier beginnt das eigentliche Problem.
Die Ruhe vor dem…
Künstliche Intelligenz hat unzweifelhaft das Potenzial, den Großteil der Arbeit zu bewältigen, den heute noch Menschen machen. Viel schneller, viel billiger. Jeder Job, der an einem Computer erledigt wird, kann potenziell eine KI erledigen. Und die gleichzeitigen Fortschritte in der Robotik, auch erst durch die Fortschritte im Bereich der KI möglich, bedrohen in absehbarer Zeit zusätzlich den Großteil körperlicher Arbeitsplätze.
Doch bis jetzt ist das noch kaum sichtbar. Es gab noch keine Massenentlassungen und die meisten Unternehmen sehen in Künstlicher Intelligenz für sich immer noch keinen Vorteil. Der von vielen Fachleuten vorhergesagte große Knall blieb bisher aus. Andere Probleme wie Kriege und wirtschaftliche Probleme lenken zudem die Aufmerksamkeit auf sich.
Dadurch haben wir den Eindruck von Ruhe. Zumal wir uns schon an die neue Welt der Science-Fiction KI gewöhnt haben. Wir haben uns daran gewöhnt, dass die „Maschine“ reden und denken kann und Bilder und Videos täuschend echt aus dem Nichts zaubert.
Sturm?
In der Gesellschaft wird vor allem nur noch über KI-Slop und Deepfakes geredet. Man redet sich die Maschine dumm und überhöht den Menschen zum einzig „Echten“, das nie wirklich ersetzt werden kann. Eine diffuse Angst vor der KI wird eher aus Filmen wie Terminator entnommen, als aus einer objektiven Wahrnehmung der Realität. Die meisten Menschen verstehen immer noch nicht, was Künstliche Intelligenz eigentlich ist.
Und die meisten Unternehmen wandeln zwischen Panik, Schockstarre, Begeisterung und Ahnungslosigkeit. Hier scheint Konzeptlosigkeit das einzige Konzept zu sein.
Doch am meisten versagt derzeit die Politik. Die Bundesregierung tut das, was sie schon seit Jahrzehnten tut, sie verwaltet die Substanz und schaut zu, wie sie sich langsam aufbraucht. Das war schon die letzten Jahre ein riesiges Problem. Aber in Zeiten der KI wird das akut existenzbedrohend.
In Berlin wird immer noch von Vollbeschäftigung und mehr Arbeiten als Motor des Aufschwungs geträumt. Gleichzeitig wird das soziale System kontinuierlich geschwächt. Während sich eine neue Realität ankündigt, in der Menschen nicht mehr als Arbeiter gebraucht werden und wir ganz andere Umverteilungsmechanismen benötigen. Bundeskanzler Merz denkt die Welt des 21. Jahrhunderts mit dem Mindset der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts. Kurz, die Politik fährt auf Sicht und blendet die Entwicklung aus, die gerade stattfindet.
Aber vielleicht tut sie das auch, weil sie überfordert ist. Und das wäre ein Stück weit sogar verständlich. Denn die Situation, in der wir stecken, ist tatsächlich unübersichtlich. Es ist schwer, zu erkennen, was im Bereich der KI gerade wirklich passiert.
Unklare Vorzeichen
Denn noch nicht mal die, die es wissen müssten, sind sich einig. Yann LeCun, französischer KI-Pionier der ersten Stunde und Gründer des europäischen KI-Startups AMI Labs, hält LLMs grundsätzlich für eine Sackgasse. Seiner Meinung nach würden Modelle mit der aktuellen Architektur niemals echte Intelligenz erreichen können. Das war für ihn der Grund, warum er Meta verlassen und mit AMI Labs einen anderen Weg eingeschlagen hat.
Kurz darauf prognostiziert Dario Amodei, CEO von Anthropic, einem der führenden KI-Unternehmen, mit genau dieser KI-Architektur AGI, generelle Künstliche Intelligenz, in drei bis sechs Monaten. Jensen Huang, Chef von NVIDIA, bemerkt in einem Interview wiederum, wir hätte sie bereits erreicht.
Das sind alles Leute, die es wissen müssen, die man ernst nehmen sollte. Und die die Entwicklung von KI hin zu AGI teilweise grundlegend unterschiedlich sehen. Vielleicht liegt das aber auch schon daran, dass die Begriffe, mit denen gearbeitet wird, teilweise völlig unklar sind.
Denn was bedeutet überhaupt AGI? Es gibt schlicht keine klare Definition davon, was „Artificial General Intelligence“ bedeutet. Jeder hat dafür seine eigene Definition. Für die einen ist es eine KI, die in jeder Hinsicht dem Menschen mindestens ebenbürtig ist. Für die anderen ist es eine KI, die in der Lage ist, jede Aufgabe erlernen und meistern zu können. Und für OpenAI und Microsoft ist AGI schlicht eine Künstliche Intelligenz, die in der Lage ist, einen Gewinn von 100 Milliarden Dollar zu erwirtschaften.
Dazu kommt, dass fast jede neue KI zwar Bestmarken in verschiedensten Benchmarks setzt. Aber trotzdem weiterhin große Probleme mit „Halluzinationen“ bestehen und es schwer ist, KIs zuverlässig in Unternehmen einzubinden. Der „Durchbruch“ lässt zumindest weiter auf sich warten.
Es ist also kaum möglich, objektiv einzuschätzen, wie schnell sich KI derzeit wirklich entwickelt. Und wenn das für mich, der sich damit fast täglich beschäftigt, schon schwer ist, wie sollte dann die Politik ein klares Bild davon bekommen? Vor allem, wenn viele der wahren Entwicklungen unter dem Radar passieren.
Und es bewegt sich doch
Von vielen außerhalb der KI-Bubble kaum wahrgenommen, hat mit der Entwicklung von OpenClaw eine neue Phase begonnen, deren Auswirkungen gerade erst zu erahnen sind. Dabei ist OpenClaw kein neues Modell, sondern eine Software, die es KI-Modellen erlaubt, zu eigenständig handelnden Akteuren zu werden. Fast über Nacht entstanden echte agentische KIs in einer bis dahin noch nie dagewesenen Zahl und Vielfalt. Sie lösten eigenständig selbst komplizierte Probleme. Der Anfang war sicher chaotisch und nicht alles funktionierte. Aber diese eine Software hat eine Lawine losgetreten. Nach und nach werden immer mehr Systeme immer autonomer, wie zum Beispiel Anthropics Claude Code. Nicht die einzelne KI wird dabei besser, sondern es arbeiten mehrere KIs effizienter zusammen. Und das immer selbstständiger. Das erschafft keinen GPT-Moment, aber es ist eine kontinuierliche Entwicklung, die ab einem bestimmten Punkt sehr schnell den Arbeitsmarkt radikal durcheinanderwirbeln könnte.
Doch auch die Modelle werden besser. Bei Anthropic steht ein neues Modell vor der Tür, das laut der Entwickler deutlich besser sein soll, als alles bisher dagewesene. Und was viele als ein Scheitern ansehen, nämlich dass OpenAI ganz plötzlich die Videoplattform Sora eingestampft hat, ist in Wirklichkeit eine Konsolidierung. Weg vom Effekt, vom „Spielzeug“, hin zu neuen, bahnbrechenden Modellen. Eines davon scheint auch bei OpenAI bereits in der Pipeline zu sein und wird unter dem Codenamen „Spud“ derzeit getestet.
Das Verwalten der Stille
Da bewegt sich also was. Es ist nur schwer abzusehen, wie schnell es geschieht und wie groß dessen Auswirkungen genau sein werden. Aber wenn man bedenkt, dass es in der KI-Entwicklung Kipppunkte gibt, ab denen sich die Dinge plötzlich sehr schnell und radikal verändern können, sollten wir wachsamer sein. Und wir sollten vorbereitet sein. Das gilt vor allem für die Politik. Denn die Stille zu verwalten, ist keine Option.
Es geht darum, sich jetzt auf einen Sturm vorzubereiten. Auch, wenn wir noch nicht wissen, wie schnell er aufzieht und wie stark er sein wird. Jetzt muss bereits gehandelt werden. Denn man baut einen Deich nicht erst, wenn der Sturm da ist und einem das Wasser schon bis zum Hals steht.